Warten auf Frühling

 

Er stand im kalten Weiß der umliegenden Landschaft. Mittendrin, zwischen blätterlosen Bäumen und schneebedeckten Büschen und Grashalmen. Als er eben die Augen geöffnet hatte, weil ihn die ersten Sonnenstrahlen kitzelten, hatte er wieder neugierig um sich geschaut. Alles war weiß und glitzerte in der spätmorgendlichen Wintersonne ganz besonders verträumt.

Für ihn war immer noch alles neu, und doch schien es ihm  so vertraut, als ob er nie etwas anderes gekannt hätte. An einem ihm nahe gelegenen Teich waren bereits ein paar Kinder, die sich waghalsig auf das gefrorene Eis wagten und sich dabei gegenseitig Mut zuriefen.

Er selbst war noch nie Schlittschuh gelaufen, fiel ihm auf einmal auf. Aber der Gedanke störte ihn nicht besonders. Er schaute den Kindern noch eine Weile zu, wie sie sich gegenseitig anrempelten und mitzogen, bevor zwei junge Frauen vor ihm auf dem Weg vorbeijoggten.

„Ich kann es kaum noch erwarten, bis dieser ganze Matsch endlich weg ist. Meine Schwester hat sich letzte Woche den Fuß gebrochen, als sie auf einer vereisten Pfütze ausrutschte“, hörte er die größere der beiden sagen.

„Ja, wird Zeit, dass es endlich wieder Frühling wird. Ich ertrag die Kälte echt nicht mehr“, vernahm er noch die Antwort der anderen, ehe sie wieder außer Hörweite waren.

Frühling, dachte er bei sich. Davon habe ich schon öfter gehört in letzter Zeit. Ein paar Jugendliche hatten am Tag zuvor davon gesprochen. Was sie tun wollten, wenn es wieder warm würde. Und auch diese älteren Leute, die er häufig hier im Park zu Gesicht bekam, schwärmten unentwegt davon: wie bunt dann alles wieder sein würde und welch frischer, einnehmender Duft in der Luft läge!

Er dachte darüber nach, was man denn im warmen Frühling eigentlich genau tun konnte. Wenn kein Schnee lag, dann konnte man ja weder Schlittschuhlaufen noch Schlittenfahren noch Schneemänner bauen noch sonst etwas von den Dingen, die er alle seit letztem Monat hier gesehen hatte.

Miterlebt hatte er zwar noch keinen Frühling, aber er klang jetzt schon toll. Viel besser als Winter auf jeden Fall! Denn dieses nie enden wollende Weiß fand er mittlerweile mehr als langweilig und eintönig. Wenn die Welt um ihn tatsächlich so aussehen würde, wie die ganzen Menschen, die tagtäglich in ihren farbenfrohen Anoraks, Mänteln, Puschelmützen und Wollschals an ihm vorbeikamen, dann fände er das um so Vieles reizvoller!

Aber wann kommt denn der Frühling endlich?, fragte er sich immer ungeduldiger. Er selbst wusste es leider nicht, daher blieb ihm wohl nichts anderes übrig als zu warten, bis er einfach da wäre.

 

Ein paar Tage später war wieder einmal reges Treiben im Park. Es musste wohl wieder ein Wochenende sein. Da waren immer besonders viele Menschen unterwegs, in allen Lebensjahren – von den üblichen Kindern, die hier vor allem ihre Nachmittage gern verbrachten; über faltige, gebückte Pärchen, die sich auf Stöcke stützten; bis hin zu Familien, die Kinderwägen mit häufig schreiendem Inhalt vor sich herschoben.

An diesem Tag hörte er wieder so allerlei über den Frühling. Wie ihn das freute! Seine Vorfreude wuchs inzwischen bis in den wolkenlosen blauen Himmel, wo sonst immer der Schnee auf die Erde fiel. So bekam er auch mit, dass jemand namens „Wetterfrosch“ den Frühling für die kommende Woche angekündigt hatte! Endlich hatte das Warten ein Ende und er konnte seinen ersten Frühling erleben!

Wie aufregend das werden würde! Er ganz allein zwischen grünem Gras, bunten Blumen und hohen, blühenden Bäumen! Bisher hatte er ja noch nichts anderes gesehen, als dieses öde Weiß und die knorrigen, kahlen Äste der Bäume, die wie tot wirkten. Und das war weder schön noch freundlich! Er wollte die ganze Farbenpracht der Natur kennenlernen, so wie es die Fußgänger um ihn herum die ganze Zeit beschrieben!

 

Als die langersehnte Frühlingswoche begann, wurde er schon ganz hibbelig vor Aufregung. Jeden Tag rechnete er damit, dass der Frühling endlich sein Kleid zeigen würde, damit er es persönlich bewundern konnte. Irgendwie jedoch schien es der Frühling selbst nicht sonderlich eilig zu haben, denn er schickte vorerst nur die Sonne heraus. Aber was für eine! Die Sonne, die er sonst zu spüren bekam, war wie ein kühler Scheinwerfer, der Schnee und Eis um ihn zum Glitzern brachte; aber diese hier war ganz anders. Diese Sonne legte sich wie eine grelle Decke über ihn, die die Kälte seiner Umgebung in keinster Weise wie Kristalle funkeln ließ. Diese Sonne gab ihm ein anderes Gefühl, ein Gefühl … der Wärme.

Wärme!, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf. Ja, genau das muss es sein!

Alles andere wäre ja wie Winter, aber das hier war eindeutig nicht winterlich. Es fühlte sich an wie … Frühling. Ja, wie Frühling.

Je länger er da stand und fasziniert beobachtete, wie sich seine Umgebung langsam veränderte, spürte er auf einmal mit sich selbst eine Veränderung durchgehen.

Er hatte die warmen Sonnenstrahlen in sich aufgenommen, als ob er und die Sonne Magneten wären, die sich gegenseitig anzogen. Doch anstatt dass sie aufeinanderprallten, geschah das Gegenteil! Die strahlende Sonne im wolkenlosen Himmel entfernte sich allmählich von ihm!

Nein, nicht sie – er! Er entfernte sich langsam!

Er schaute zurück auf den Boden, wo langsam feuchte grüne Flecken zum Vorschein kamen. Dabei wurde ihm immer wärmer und wärmer!

Ob aus dem Grund, dass er das erste Mal in seinem kurzen Leben die bunten Farben der Natur sah, oder weil die Sonne langsam aber sicher seinen eisigen Körper schmolz?

Er konnte es nicht auseinanderhalten.

 

Doch eines war sicher: der Frühling war etwas Überwältigendes.