Nach dem Winter

 

Hinter dem kleinen, alten Haus gab es einen Garten, der beinah ebenso klein war. In diesem Garten war der Frühling langsam am Kommen und von allen Ecken und Winkeln schimmerte ein zartes, helles Grün. Frisch und frühlingshaft. Nur die Blumen, die wollten noch nicht so ganz zu ihrem Dienst antreten.

In dem Haus wohnte ein junges Mädchen mit ihren Großeltern. Es war gerade erst zu ihnen gezogen. Bisher hatte es in einer großen Stadt gelebt, in einer Gegend, wo es kaum Pflanzen gab, ganz zu schweigen von Gärten. Die Großeltern hatten dem Mädchen bei jedem Besuch in der Stadt von ihrem Garten erzählt, und wie schön er doch war; ganz besonders, wenn die Blumen sich das erste Mal öffneten und ihre bunten Blütenblätter zeigten, die wie frisch gefärbt wirkten und einen ganz eigenen, lieblichen Frühlingsduft an sich trugen.

Jetzt war das Mädchen hier in diesem Garten. Es hatte sich vorgenommen, jeden Tag hier draußen zu sitzen – warm eingepackt in einem dicken Mantel, dem alten Wollschal seiner Mutter und den übergroßen Handschuhen seines Vaters –, und darauf zu warten, dass sich die erste Knospe zu öffnen begann.

Es war das einzige, das dem Mädchen einen lebendigen Moment bescherte nach der dunklen Zeit im Winter. Ein Hoffnungsschimmer vielleicht, oder auch nur eine Ablenkung. Es war egal, was genau es war, da waren sich die Großeltern jedenfalls einig. Solange es nur wieder aus sich herauskommen und etwas sagen würde. Denn seit dem Winter hatte ihre Enkelin nicht mehr gesprochen.

Während die Großeltern in der Küche das Frühstück abräumten, lag das Mädchen auf dem Bauch und starrte zu den Blumen hinüber. Einige hatten endlich einen so fetten Knospenbauch, dass es nur noch eine Frage von Stunden, ja vielleicht sogar Minuten sein könnte, bis sie sich endlich öffnen würden.

Während das Mädchen darauf wartete, schlief es mit dem Kopf auf die Arme gelegt ein. Als es das nächste Mal aufwachte, spürte es die beiden Großeltern an seiner Seite, die sich zu ihm auf die Decke gelegt hatten, um mit ihm auf die ersten Blüten zu warten. Der Großvater hatte es sanft gestupst, als es endlich so weit war.

Das Mädchen riss vor Staunen die Augen auf, als es ein kleines grünes Etwas sich bewegen sah, und kroch noch ein Stück näher an die Blume heran. Es konnte mitverfolgen, wie sich ganz langsam die grüne Knospe auseinanderzog und etwas Dunkelblaues oder Violettes hervordrückte.

Das Mädchen hielt vor Spannung die Luft an. Das Blümchen wirkte so lebendig, dass es Angst hatte, es durch sein Atmen wieder zu verscheuchen.

„Das ist ein Duftveilchen“, erklärte ihr Großvater. „In manchen Gegenden duftet es unglaublich stark.“

Neugierig lehnte sich das Mädchen noch weiter vor und schnupperte.

Der Großvater hatte Recht: das kleine blaue Blümchen roch sehr süß, aber angenehm, wie die Enkelin fand. Auf ihrem Gesicht zeigte sich ein leises Lächeln, das sich jedoch nicht in ihren Augen widerspiegelte. Noch nicht.

 

Ein paar Tränen traten in ihre Augen, als es leise sagte: „Wie süß.“ und die Großeltern sie in die Arme nahmen.